NRW-Pressefoto 2025: Zeitzeugin erinnert an den Holocaust
Wie erinnern wir uns an unsere Geschichte, wenn die Zeitzeugen sie nicht mehr erzählen können? Eine Antwort darauf gibt das NRW-Pressefoto 2025. Das Siegerbild zeigt die Holocaust-Überlebende Eva Weyl, die in einem TV-Studio für ein Hologramm-Projekt gefilmt wird. Das Foto „Stimme für die Ewigkeit“ hat Bernd Thissen für die Deutsche Presse-Agentur gemacht. Am 9. Dezember 2025 wurde er mit dem ersten Platz beim NRW-Pressefoto 2025 ausgezeichnet.
Den Journalistenpreises des Landtags Nordrhein-Westfalen hatte Präsident André Kuper im Jahr 2018 ins Leben gerufen. Beworben haben sich in diesem Jahr 60 Fotografinnen und Fotografen mit insgesamt 238 Fotos. Darunter sind 6 Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Nachwuchspreises (bis 30 Jahre). Mit Unterstützung der Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West wurden Preisgelder in Höhe von 22.000 Euro vergeben. Das NRW-Pressfoto ist der einzige Jahresrückblick aus professionellen Bildern in Nordrhein-Westfalen. Die Bilder lassen das Jahr Revue passieren: der Winterwahlkampf zu Bundestagswahl, die Kommunalwahlen, die verstärkte Wahrnehmung der Bundeswehr, Kriegs-Flüchtlinge aus der Ukraine und Fußball-Fieber in Bielefeld. Über den Nachwuchspreis entschied die Öffentlichkeit: Mehr als 500 Stimmen wurden abgegeben, eine deutliche Mehrheit stimmte für das Foto eines Prozesses vor dem Landgericht Dortmund. Lukas Wittland fotografierte hier am 12. Dezember 2024 für die Ruhr Nachrichten.
Der Präsident des Landtags, André Kuper, zeichnete die Siegerin und Sieger aus und betonte: „Das NRW-Pressefoto ist ein beeindruckender Rückblick auf das zu Ende gehende Jahr. Wir lassen im Landtag die Bilder des Jahres Revue passieren. Wir erinnern uns an emotionale und schöne Momente und an politisch bewegende Zeiten. Das Siegerbild dokumentiert unsere Geschichte in doppelter Hinsicht: Es zeigt den Versuch, die Erinnerungen der Zeitzeugen an den Holocaust wachzuhalten und zu konservieren. Eine Aufgabe, der sich unsere Gesellschaft in Zeiten von wachsendem Antisemitismus und Israel-Hass neu stellen muss. Das NRW-Pressefoto ist immer auch ein Dokument seiner Zeit, würdigt aber besonders die wichtige Arbeit der Pressefotografinnen und -fotografen für unsere Demokratie. Ich lade die Bürgerinnen und Bürger herzlich ein, zur Ausstellung zu kommen und im Landtag auf das Jahr zurückzuschauen.“
Platz 1: Bernd Thissen – „Stimme für die Ewigkeit“
16. September 2025, dpa, fotografiert in Dortmund
Stellungnahme der Jury:
Die Jury war überzeugt von der Art und Weise, wie Bernd Thissen das Forschungsprojekt der TU Dortmund über die Holocaust-Überlebenden fotografisch in Szene gesetzt hat:
Das Bild der Holocaust Überlebenden Eva Weyl ist geprägt von einer inhaltlichen und stilistischen Spannung zwischen der individuellen Abbildung einer Person und der durch die Aufnahmetechnik geprägten Gesamtsituation. Das bildlich überbordende technische Equipment wirkt wie eine theatralische Rahmung und lenkt den Blick unweigerlich auf das Zentrum des Bildes, eine ältere Frau, die etwas verloren auf einem Stuhl sitzt. Dieser Kontrast im Bild betont einerseits die Kraft des Erzählens und symbolisiert die mündliche Überlieferung, anderseits aber sensibilisiert dieser Kontrast im Bild uns für eine kritische Haltung zu einem Vermittlungsformat, das auf immersive Technologien setzt. Die Fotografie fordert uns heraus, die Erinnerungskultur in der ganzen Spannbreite möglicher Rezeptionsformen sensibel zu erforschen. Als Dokument bewahrt das Bild in hervorragender Weise eine dem Thema angemessene und für die journalistische Arbeit notwendige Balance aus Nähe und Distanz.
Platz 2: Michael Bause – „Das Wunder von Köln“
14. Mai 2025, Kölner Stadt-Anzeiger, fotografiert in Köln
Stellungnahme der Jury:
Dieser Gegensatz aus Leid und Zuversicht macht dieses Foto außergewöhnlich. Es zwingt uns, hinzusehen. Grausamkeit ist in der Welt, aber das Foto zeigt: Sie hat nicht gewonnen. Das Foto zeigt nicht Schwäche, sondern Stärke. Keine Opfer, sondern Kinder. Keine Überlebenden, sondern Lebende. Nicht nur Gesichter, sondern Haltung. Die fotografische Entscheidung, auf Augenhöhe zu bleiben, begegnet den Kindern mit Respekt und Würde. Sie werden nicht reduziert auf das, was ihnen widerfahren ist. Wir erkennen sie als Individuen – nicht als Schicksale. Michael Bause gelingt hier eine fotografische Nähe, die nicht übergriffig wird. Dieses Foto zeigt, was Pressefotografie im besten Sinne leisten kann: Sie macht sichtbar, sie berührt, sie gibt Raum für Mitgefühl – ohne Voyeurismus. Sie ist wahrhaftig und lässt Zuversicht erkennen. Was wir sehen, erinnert uns daran, warum wir Pressefotografie brauchen – um nicht wegzuschauen, sondern mit dem richtigen Blick hinzuschauen.
Platz 3: Ina Fassbender – „Gelöbnis am zentralen Ort der Demokratie“
4. September 2025, AFP, fotografiert in Düsseldorf
Stellungnahme der Jury:
Die Zeitenwende prägt weiterhin die politischen Debatten. Täglich befassen sich Medien mit Fragen der Wehrpflicht, der Fähigkeiten der Bundeswehr, der russischen Provokation. Wir sind nicht im Krieg, wir sind aber auch nicht mehr im Frieden, hat es der Kanzler zusammengefasst. In diese Zeit fällt das Gelöbnis der Bundeswehr vor dem Landtag. Die Vereidigung der Soldatinnen und Soldaten auf die Verfassung fand nicht mehr hinter Kasernenmauern statt, sondern vor dem Landtag. Dieser Ort dokumentiert: Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee, verwurzelt in der Gesellschaft, sie steht ein für uns alle. Das Bild ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Pressefotografie im Einfachen das Außergewöhnliche sichtbar machen kann. Der Wechsel der Perspektive zeigt die abstrakte Ordnung des Militärs. Doch inmitten dieser strengen Ordnung steht ein einzelner Soldat, außerhalb der Formation. Diese bewusste Gegenüberstellung von Kollektiv und Einzelperson verleiht dem Bild seine außergewöhnliche Spannung.
Sonderpreis: Christoph Reichwein – „Sekunden vor dem Auftritt“
21. Februar 2025, dpa, fotografiert in Oberhausen
Stellungnahme der Jury:
Das Foto hebt sich ab aus den vielen Bildern der Wahlkämpfe, Parteitage und politischen Auftritte. Christoph Reichwein blieb seiner Aufgabe der Berichterstattung treu, dokumentierte aber einen besonderen Moment am Übergang zwischen Backstage und Öffentlichkeit, zwischen Vorbereitung und Auftritt, zwischen Konzentration und Wirkung. Das Bild zeigt Politik als Inszenierung, ohne sie zu bewerten. Die Smartphones im Publikum spiegeln eine moderne politische Kultur wider: Jeder Moment wird zum Bild. Das Foto erklärt politische Realität, macht sie aber auch erlebbar. Es zeigt, dass Demokratie auf Sichtbarkeit angewiesen ist – und dass Pressefotografie diese Sichtbarkeit herstellt. Aber nach eigenen Maßstäben. Es steht dabei in herausragender Weise aber auch stellvertretend für ganz viele, sehr gute Einreichungen, die die Wahlkämpfe des Jahres 2025 tatsächlich in all ihren Facetten zeigen.
Nachwuchspreis: Lukas Wittland – „Tod eines Bruders“
12. Dezember 2024, Ruhr Nachrichten, fotografiert in Dortmund
Stellungnahme der Jury:
Das Foto hält die Emotionalität eines Augenblicks fest. Die Körperhaltung der beiden Brüder spricht eine eindringliche Sprache. Der eine vergräbt sein Gesicht in den Händen, der andere bricht zusammen, den Kopf auf den Tisch gelegt. Beides sind Haltungen, die kein Wort erklären muss. In diesem Moment verdichtet sich der Verlust ihres Bruders Mouhamed Dramé. Die Fotografie hält diese Realität fest, ohne sie auszubeuten. Sie erlaubt einen Blick, der empathisch ist, nicht voyeuristisch. Die Szene ist eingefasst vom schweren Holz des Gerichtssaals und den farbigen Glasfenstern im Hintergrund – Symbole staatlicher Ordnung, die hier in einem scharfen Kontrast zu den Gefühlen im Vordergrund stehen. Dieses Foto ist ein Beispiel dafür, was Pressefotografie im Kern leisten kann: Sie macht die gesellschaftliche Bedeutung eines Prozesses sichtbar – und gleichzeitig die menschliche Tragweite, die oft dahintersteht.